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SPD hartzt weiter
Rainer Balcerowiak
Mit einem deutlichen »Ja, aber« haben sich SPD-Bundesspitze und der Vorstand des DGB hinter die Vorschläge der SPD-Landesvorsitzenden von Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft, für neue »Angebote« an Langzeiterwerbslose gestellt. Kraft hatte am Wochenende in einem Pressebeitrag angeregt, Hartz-IV-Empfänger »für einen symbolischen Aufschlag auf die Regelsätze« gemeinwohl­orientierte Tätigkeiten zu ermöglichen. Im SPD-Präsidium habe es »breite Rückendeckung« und »keinerlei Kritik« an den Plänen Krafts gegeben, sagte SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles am Montag in Berlin.
Der Analyse von Kraft, daß mindestens ein Viertel aller Langzeiterwerbslosen keine Chance hätte, jemals wieder auf dem regulären Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, stimmten auch führende Gewerkschafter in Stellungnahmen zu. DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach bezeichnete gemeinnützige Tätigkeit ohne reguläre Arbeitsverhältnisse jedoch als »den falschen Weg«. Vielmehr müßte ein öffentlicher Beschäftigungssektor mit voller sozialer Absicherung und angemessener Entlohnung für diesen Personenkreis geschaffen werden.
Kraft betonte am Montag im Bayerischen Rundfunk, es gehe ihr nicht um mehr Druck auf Erwerbslose, sondern um ein Angebot an Menschen, die ansonsten keine Perspektive hätten. Außerdem sollte die Bezahlung über der von Ein-Euro-Jobs liegen. Auf die Forderung von Gewerkschaften und Sozialverbänden nach regulärer sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung ging sie allerdings nicht ein.

Über die Motive für diesen überraschenden Vorstoß der SPD-Spitzenkandidatin bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen kann nur spekuliert werden. Anscheinend fürchtet sie, daß die rechtspopulistischen Ausfälle der FDP gegen »faule Arbeitslose«, die sich auf Kosten der Steuerzahler einen Lenz machen, auch in der eigenen Klientel auf eine gewisse Resonanz stoßen. Jenen Teil der Wähler, der der SPD wegen ihrer Agenda-2010- und Hartz-IV-Politik ohnehin kritisch bis ablehnend gegenübersteht, ist man anscheinend bereit, kampflos den Linken zu überlassen.

Wie schon zuvor Guido Westerwelle beim Thema Abstand zwischen Erwerbs- und Transfereinkommen stellt auch Kraft eine richtige und wichtige Frage: Welche Perspektive kann man Menschen geben, die nach der kapitalistischen Verwertungslogik überflüssig sind? Doch wie ihr FDP-Politikerkollege gibt auch die Sozialdemokratin eine perfide, neoliberale Antwort. Denn die von ihr angeregten »gemeinnützigen Tätigkeiten« mit »symbolischer« Bezahlung würden für die Betroffenen keinen Weg aus dem Hartz-IV-Gefängnis eröffnen. Dazu bräuchte man einen öffentlichen Beschäftigungssektor mit tariflicher Entlohnung und vollem Sozialversicherungsschutz. Krafts Vorschlag ist eine faktische Abkehr von der SPD-Forderung nach einem existenzsichernden gesetzlichen Mindestlohn. Denn dieser müßte dann nicht nur für die vielzitierten mecklenburgischen Friseurinnen gelten, sondern auch für Menschen, die im Frühjahr Parks fegen, in Altersheimen Geschichten vorlesen oder Kindersportgruppen betreuen.

Die SPD erfand Hartz IV. Nach verheerenden Wahlschlappen hat sie sich davon verbal ein wenig abgesetzt. Doch jetzt zeigt sie wieder Flagge.
 
Jw. v. 9.3. 2010
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