ATTAC warnt: Zulassung von Finanzwetten auf sinkende Kurse bereitet erneuten Finanzcrash vor
Jörn Boewe (mit AFP)
Das globalisierungskritische Netzwerk ATTAC hat die deutsche
Finanzaufsicht für ihre Entscheidung, wieder sogenannte
Leerverkäufe zu gestatten, scharf angegriffen. »Das geht
genau in die falsche Richtung. Anstatt aus der Krise zu lernen,
wird hier die nächste vorbereitet«, erklärte
ATTAC-Finanzexperte Steffen Stierle am Dienstag. Die Bundesanstalt
für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hatte am Montag das
im Herbst 2008 verhängte Verbot von Leerverkäufen mit
Aktien elf deutscher Finanzkonzerne ersatzlos auslaufen lassen. Die
riskanten Spekulationsgeschäfte sind damit ab sofort wieder
erlaubt.
Zur Begründung hieß es, die Lage an den internationalen
Finanzmärkten habe sich in den vergangenen Monaten so weit
verbessert, daß auf eine weitere Verlängerung des
Verbots verzichtet werden könne. Jedoch prüfe die BaFin
auch weiter die Entwicklungen an den Börsen und werde bei
einer möglichen erneuten Verschärfung nötigenfalls
neue Regelungen erlassen.
Bei den auch als Blankoverkäufen oder Short Sales bezeichneten
Geschäften wetten Spekulanten auf fallende Aktienkurse. Sie
verkaufen dazu Papiere, die sich nicht in ihrem Besitz befinden.
Innerhalb eines bestimmten Zeitraums müssen sie die Aktien
dann aber tatsächlich kaufen, um das Geschäft zu
vollziehen. Wenn der Preis dann tatsächlich niedriger ist als
bei Abschluß des Geschäfts, machen die Spekulanten
dadurch einen Gewinn.
Das Verbot für Leerverkäufe war im Herbst 2008 auf dem
Höhepunkt der internationalen Finanzkrise erlassen und
mehrfach verlängert worden. Es sollte laut BaFin dazu
beitragen, »exzessive Preisbewegungen« an den durch die
Finanzkrise sehr unsicheren Märkten nicht weiter zu
verstärken. Es galt für die Aktien folgender
Finanzkonzerne: Aareal Bank, Allianz, Generali Deutschland,
Commerzbank, Deutsche Bank, Deutsche Börse, Deutsche Postbank,
Hannover Rückversicherung, Hypo Real Estate Holding, MLP sowie
Münchener Rück.
Leerverkäufe hatten bereits bei großen US-amerikanischen
Börsenkrise von 1929, die in der Folge zur Großen
Depression und Weltwirtschaftskrise führte, eine
auslösende Rolle gespielt. 1934 wurden sie deshalb unter
Präsident Franklin D. Roosevelt durch den Securities Exchange
Act stark eingeschränkt: Die darin verankerte »Uptick
rule« erlaubte fortan nur noch Leerverkäufe bei Papiere
mit steigenden Kursen – die letzte Transaktion mußte
über der vorherigen Notierung gelegen haben. Die Regel wurde
2007 unter der Regierung von George Bush jr. abgeschafft. Im
Dezember 2008 verbot die US-Regierung Short Sales mit Papieren von
799 US-Finanzinstituten erneut - allerdings nur befristet für
drei Wochen.
In Frankreich wurde – anders als in Deutschland – das
Verbot der riskanten Geschäfte kürzlich noch einmal auf
unbestimmte Zeit verlängert. In Österreich läuft ein
entsprechendes Verbot Ende des Monats aus. Ob es noch einmal
verlängert wird, ist Presseberichten zufolge ungewiß.
JW vom 2.2. 2010
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