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Rüdiger Göbel
Hartz-IV-Bezieher sind wahlweise faul oder sie arbeiten schwarz und
machen sich – auf Kosten der anderen – einen
schönen Lenz. Die Vorurteile gegen all diejenigen, die keinen
Job haben und mit ein paar hundert Euro im Monat über die
Runden kommen müssen, werden gezielt geschürt.
Die
mediale Dauerkampagne erreicht dieser Tage mit Bild über den
»faulsten Arbeitslosen Deutschlands« einen neuen
Höhepunkt. Doch nicht nur der Boulevard bedient die Klischees.
Die Süddeutsche Zeitung titelte in ihrer Dienstagausgabe
»Mißbrauch von Hartz IV nimmt zu. Im vergangenen Jahr
165000 Straf- und Bußgeldverfahren eingeleitet«. Das
Münchner Blatt wertete dabei die ihm zugespielte Jahresbilanz
der Bundesagentur für Arbeit, kurz BA, über
»Leistungsmißbrauch im Hartz-IV-System«
aus.
Die von der SZ noch in der Nacht über die Nachrichtenagenturen
verbreitete Meldung fand gestern bundesweite Resonanz. Beim
Online-Dienst google-news fanden sich mehr als 200 Einträge
zum Thema. Und alle leierten dieselbe, in München aufgelegte
Platte runter, vom Oberpfalz-Radio »Ramasuri«
(»Mißbrauch von Hartz-IV-Leistungen zugenommen«)
über das Kirchenportal evangelisch.de (»Mißbrauch
bei Hartz IV steigt leicht«) bis hin zu den Internetseiten
von Focus (»Mehr Mißbrauch als letztes Jahr«),
Spiegel (»Falsche Angaben«) und Bild (»Immer mehr
Hartz-IV-Betrüger«).
Doch was hatten BA und SZ zu berichten? Die Zahl der eingeleiteten
Straf- und Bußgeldverfahren gegen Hartz-IV-Empfänger ist
2009 im Vergleich zum Vorjahr um 1,8 Prozent auf knapp 165000
Fälle gestiegen. »Dabei geht es meist um falsche Angaben
von Langzeitarbeitslosen gegenüber den Jobcentern und
Arbeitsgemeinschaften (Argen) mit dem Ziel, höhere Leistungen
zu kassieren, als ihnen eigentlich zustehen«, so die
Süddeutsche.
Tatsächlich geht es um ganze 0,1 Prozent oder ein Promille
Steigerung: Insgesamt haben 2009 im Jahresdurchschnitt etwa 6,5
Millionen Menschen nach dem Sozialgesetzbuch II Anspruch auf die
Grundsicherung (Hartz IV) gehabt. Bezogen auf diese Gesamtzahl hat
die »Mißbrauchsquote« nach Angaben der
Bundesagentur bei lediglich 1,9 Prozent gelegen – 2008 waren
es 1,8 Prozent. Darunter fallen Ordnungswidrigkeiten, also
geringfügige Verletzungen von Rechtsregeln, für die das
Gesetz eine Geldbuße vorsieht, sowie Verdachtsfälle, die
von den Behörden noch nicht abschließend beurteilt
sind.
Nur wer die Mißbrauchsberichte zu Ende liest, wird des ganzen
Medienskandals gewahr: Die Bundesagentur selbst warnte davor, die
von ihr präsentierten Zahlen
»überzubewerten«. In der Bilanz heißt es,
der »Leistungsmißbrauch« sei »in Relation
zu der Anzahl der Hilfsbedürftigen und den Gesamtausgaben
relativ gering verbreitet«. Die Süddeutsche wußte
die Mahnung zur Vorsicht zu relativieren: »Der Bericht listet
allerdings nur nachweisbare Fälle auf. Die tatsächliche
Zahl dürfte deutlich höher liegen.« Passend zur
Mißbrauchsberichterstattung stieß der Präsident
des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, via Bild die nächste
Diskussion an: »Wer auf dem Land wohnt, braucht weniger Hartz
IV.«
Der Paritätische Wohlfahrtsverband warnte am Dienstag vor der
»diffamierenden Stimmungsmache«. Die Bundesregierung
solle ihren Fokus endlich von der Ausnahme auf die Regel richten.
Die Politik sollte sich auf die 6,3 Millionen Menschen
konzentrieren, die sich nichts zuschulden haben kommen lassen, und
ihnen endlich einen Weg aus Hartz IV und Armut zurück in
Arbeit ermöglichen. »Die Zahlen der BA räumen mit
der Mär vom Massen-Mißbrauch auf«, erklärte
der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, Ulrich Schneider.
Seine Ausführungen fanden keinen Niederschlag in der gestrigen
Hartz-Hatz.
Aus Jw vom 2.2. 2010
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