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Staatsbankrotte möglich

Krise nicht überstanden: Weltbank sieht in ihrem Jahresausblick weiter angespannte globale Wirtschaftslage. China dämpft Euphorie des Westens

Von Rainer Rupp

Der neueste Bericht der in Washington ansässigen Weltbank beklagt »chronische Schwächen« der globalen Wirtschaft. Demnach wird sich die bisher nur sehr zaghafte Erholung der Konjunktur im Jahresverlauf weiter abschwächen. Hauptgrund dafür ist, so das Schwesterinstitut des Internationalen Währungsfonds IWF in seiner am Donnerstag vorgelegten Analyse, daß die in fast jedem Land aufgelegten Programme zur Ankurbelung der Konjunktur auslaufen bzw. an Wirkung verlieren. Die Weltbank gesteht damit auch ein, daß es trotz der gigantischen staatlichen Stimulationspakete nach wie vor keinen selbsttragenden Aufschwung gibt. Zugleich dürfte sich die Auflage einer zweiten Welle von Konjunkturprogrammen angesichts der ohnehin bereits hohen Staatsverschuldungen weltweit gleichermaßen ökonomisch wie politisch als schwierig erweisen. Die trübe Aussicht für 2010 wird durch zu hohe und weiter zunehmende Arbeitslosigkeit zusätzlich verschlimmert, was die private Nachfrage schwächt. All das spielt sich vor dem Hintergrund der nach wie vor angespannten Lage auf den globalen Finanzmärkten ab, worauf der Weltbankbericht mit dem Titel »Global Economic Prospects 2010« ebenfalls verweist.

Die jüngsten Wirtschaftdepeschen scheinen die eher düsteren Progosen der Weltbank zu bestätigen. So wurden die Chefetagen der großen Konzerne von der Nachricht erschüttert, daß China aus Angst vor der sich bedrohlich aufblähenden einheimischen Immobilienblase auf die Bremse getreten ist. Auf das Reich der Mitte hatten viele Wirtschaftsforscher und diverse Prognose-Gurus ihre Hoffungen gesetzt. Es sollte dank des rasanten Wachstums zur vielbeschworenen Lokomotive werden und die Weltwirtschaft aus der Talsohle ziehen. Folglich konzentrierte sich ein guter Teil der Spekulanten auf die fernöstliche Volksrepublik, wo schnell hohe Profite winkten. Entsprechend viel Liquidität ist so über die Grenzen nach China geschwappte, was in Verbindung mit einer äußerst großzügigen Kreditvergabe die Vermögenspreise in unrealistische Höhen trieb – also eine Blase zur Folge hatte. Die will Peking nun kontrolliert verkleinern und verordnete den einheimischen Banken zunächst einen Kreditvergabestopp. Weltweit schrumpelten darauf die Börsenindizes zusammen. Schlechte Nachrichten gab es für die globalen Dealer auch vom schwarzen Kontinent. Dort meldete die bisherige lokale Zugmaschine, die Republik Südafrika, steigende Arbeitslosigkeit und den Rückgang des Konsums um 6,6 Prozent auf Jahresbasis. Ähnliche Nachrichten aus anderen Teilen der Welt häufen sich.

Folgt man jedoch dem Weltbank-Bericht, dann ist trotz der schlechten Nachrichten die »akute Phase« der Krise vorüber, auch wenn die Erholung in den nächsten Jahren nur sehr langsam vorankommen und von chronischen Schwächen geprägt sein würde. Der letztjährige Nobelpreisträger für Wirtschaft, Paul Krugman, befürchtet dagegen, daß die Weltwirtschaft sich inmitten einer »Double Dip Rezession« befindet und es in diesem Jahr ökonomisch erneut nach unten geht. Dabei kann dem US-Ökonomen zufolge der bisherige Tiefpunkt aus dem Jahr 2008 unterschritten werden. Die Chancen dafür seien »ziemlich hoch, allerdings etwas weniger als 50 zu 50« sagte Krugman am Jahresende 2009 gegenüber dem US-Nachrichtensender ABC. Im Moment hielten die Nachbestellungen aufgrund geleerter Lager und die Konjunkturprogramme die US-Wirtschaft noch über Wasser. Aber spätestens in der zweiten Hälfte 2010 liefe die Wirkung der Konjunkturspritzen aus. Selbst im günstigsten Fall sieht Krugman nur eine langsame und mühsame Erholung der US-Wirtschaft.

Dessenungeachtet schätzt die Weltbank das Wachstum der globalen Wirtschaftsleistung dieses Jahr auf 2,7 Prozent, nachdem sie 2009 noch um 2,2 Prozent zurückgegangen war. Über manche »Ungewißheiten« gab am 15. Januar, zwei Wochen vor seinem alljährlichen Gipfeltreffen in Davos, das Weltwirtschaftsforum (WEF) in seinem Bericht »Global Risks 2010« Auskunft. Demnach sind auch die führenden westlichen Wirtschaften, insbesondere die der USA und Großbritanniens, durch die Krise schwer angeschlagen. Denn »als Reaktion auf die Finanzkrise laufen viele Länder Gefahr, ihre Verschuldung auf ein unhaltbares Niveau zu überdehnen, was wiederum einen starken Druck für höhere Realzinsen aufbaut«, so das WEF. Entsprechend mehr müßte dann der Staat für seine Schulden zahlen und noch mehr neue Kredite aufnehmen. So würde ein Teufelskreis in Gang gesetzt, der »in letzter Instanz durch nachhaltige Überdehnung der Staatsverschuldung zum Staatsbankrott führen« könnte.

Zugleich warnt das WEF vor der Gefahr, die von neuen Spekulationsblasen auf den Finanzmärkten ausgeht. Deren Platzen würde dann einen weiteren Schaden von einer Billion (1000 Milliarden) US-Dollar anrichten. Die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Zusammenbruchs der Preise von Wertpapieren und Immobilien sei »nach wie vor die größte Gefahr«. Dies zeige die »anhaltende Unsicherheit über die Widerstandsfähigkeit der Weltwirtschaft und die Wirksamkeit der fiskalkalischen, geldpolitischen und regulatorischen Antworten auf die Krise«, so der Bericht weiter. Ebenso sei die Wahrscheinlichkeit hoch, daß Chinas Wirtschaftswachstum unter sechs Prozent fällt, was nicht nur in dem Land, sondern auch auf den globalen Wirtschafts- und Finanzmärkten zu schweren Verwerfungen führen würde. Nicht zu vergessen: Unsicherheiten entspringen laut WEF-Bericht auch aus den möglichen Folgen der fortdauernden Lebensmittelkrise und den »sozialen und politischen Folgen« der steigenden Arbeitslosigkeit.

 Aus JW vom 23.1. 2010

 

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